Was wir von Entwicklungsländern lernen können, Teil II

3 Worte, 1 Satz, eine zentrale Botschaft: Lebe den Moment!

„Wie bitte?“, fragt ihr euch sicher, „das wissen wir doch schon!“

 Klar, ich habe es hier auf meinem Blog ja auch schon oft genug gepredigt, z.B. hier,  und egal welchen Guru man fragt – jede*r wird euch vermitteln wollen, dass der Moment, die Gegenwart, und nicht die Vergangenheit oder die Zukunft zählt! 

Es ist jedoch eine der zentralsten Botschaften, die uns meiner Meinung nach das Leben vermittelt, und deswegen möchte ich es euch hier noch einmal, mit Hilfe meiner neuen Serie „Was wir von Entwicklungsländern lernen können“ erläutern.
Okay, so neu ist meine Serie auch nicht, der zweite Teil hat jetzt ganz schön auf sich warten lassen. Aber ich wollte auch einen guten Artikel schreiben, und dazu brauchte es erst einmal genug Zeit und Lust, vor allem nachdem mein erster Beitrag dazu auf so eine tolle Resonanz gestoßen ist!


Also – was genau heißt es, den Moment zu leben?


Ich kralle mich wieder an meinem Lieblingsland Indien fest. Hat jemand von euch zufällig das Buch „Rupien, Rupien“ von Vikas Swarup gelesen? Auf diesem Buch beruht der etwas veränderte Film „Slumdog Millionär“, beides wirklich empfehlenswert!

Auf jeden Fall erhält der Protagonist Ram Mohammed Thomas an einer Stelle des Buches 50 000 Rupien und fühlt sich wie ein junger Gott. Er beginnt sofort, das Geld auszugeben – er kauft sich eine neue Jeans, eine neue „Casio“- Uhr und ein Zugticket der ersten Klasse. Während seiner Reise gibt er so sehr mit seinem Geld an, dass es ihm letztendlich zum Verhängnis wird. Aber so viel hat er ohnehin nicht mehr davon – er hat schon eine Menge davon ausgegeben!


Das soll jetzt nicht heißen, dass man sofort all sein Geld ausgeben sollte –  aber vor allem hat mir diese Stelle des Buches gezeigt, dass man aus jeder Situation das Beste herausholen sollte, den Augenblick genießen, denn alles ist sowieso nur vorübergehend, so wie das Geld, das Ram bekommen hat. Für ihn ist es ein vorübergehendes Glück – er lebt so sehr von einem Moment zum nächsten, dass es ihm letztendlich auch nicht so schwer fällt, nicht mehr so viel Geld zu haben – er ist ohnehin nichts anderes gewohnt.

 Was ich echt wahnsinnig beeindruckend an diesem Buch finde, ist, dass die Hauptperson wirklich jeden Moment lebt, so wie wir es uns in der westlichen Welt gar nicht vorstellen können.


Und ich durfte Menschen wie ihn sehr oft während meiner Indienreisen beobachten!

Die Inder haben nicht so eine panische Zukunftsangst wie wir (außer wenn es um Student*innen an renommierten Unis geht, ok, aber das ist eine andere Sparte). Sie denken, dass sowieso alles seinen Lauf nimmt, und solange man viel gutes Karma anhäuft, wird alles schon gut bleiben. Wieso auch auf besseres Wetter warten? Das Wetter ist jeden Tag gleich dort drüben, abgesehen davon, dass irgendwann die Regenzeit kommt. Oder warum auf mehr Geld hoffen? Das, was da ist, reicht.


Alleine schon, wenn ich an indische Partys denke, werde ich sentimental. David Guetta, DJ Antoine und andere westliche Partypeople können einpacken, finde ich!! Auf unseren Partys tanzt fast jede*r nur für sich, auf Elektropartys oft nur (relativ gelangweilt)  von einem Fuß auf den anderen, auf Chartbreakerpartys möglichst sexy, sodass man hoffentlich jemanden aufreißen und mit nach Hause schleppen kann (so viel zu in der Gegenwart leben…).

Das soll jetzt nicht heißen, dass jede Party so ist, aber solche Situationen habe ich schon oft beobachtet und kennen gelernt – Leute, die nicht wirklich Lust auf die Party haben, solange sie nicht ein bestimmtes Ziel erreichen.


Indische Partys sind da anders – okay, ich weiß, dass Bollywoodmusik viele von euch abschreckt, aber ich finde sie einfach nur hammermäßig stimmungsmachend! Es muss noch nicht einmal der neueste Chartbreaker sein, oft reicht auch schon eine große Trommel und packende Rhythmen! Da tanzt der kleine dicke Junge mit der Oma, der Vater mit der Tochter, die Jugendliche mit ihrem Cousin – einfach jede*r mit jede*m und am liebsten im Kreis, wo jede*r dann mal an der Reihe ist! Die Atmosphäre, die dabei aufkommt, ist erstaunlich. Es sprudelt nur vor Energie und Lebenslust und alle miteinander verlieren sich in genau diesem Moment.

Also Leute – natürlich ist es wichtig, dass man sich um eine sichere Zukunft sorgt und nicht naiv von einer Person zur nächsten rennt – aber ich finde es wichtig, dass man sich in seinem Alltag immer mal wieder auf die Gegenwart besinnt. Momente rennen so schnell vorbei, dass man sie, ehe man sich versieht, verpasst hat, weil man auf etwas anderes gewartet hat. Man lässt jemanden stehen, weil man auf jemand besseren hofft. Man isst etwas nicht, weil man sich davor ekelt und auf seinen gewohnten Hamburger wartet. Man verschiebt eine Reise, weil man lieber Geld für etwas anderes und wahrscheinlich unnötigeres sparen möchte.


Auch ich mache oft noch den Fehler, dass ich den Moment nicht ausnutze, sondern auf etwas anderes hoffe oder warte – oder schlimmer, weil ich mich in irgendeiner Weise von der Vergangenheit oder Gewohnheit beeinflussen lasse.  Aber ich nehme mir immer wieder fest vor, jeden Moment auszukosten. Jetzt gerade sitze ich auf einer unglaublich langweiligen Bahnreise ohne jemensch, der*die mich begleitet, entertaint oder ohne Buch. Und ich schreibe diesen Text und nehme mir fest vor, den Rest der Bahnfahrt nicht einfach dazusitzen und abzuwarten, sondern jede Minute in dieser Bahn zu genießen. Meinen Sitznachbarn anzuquatschen ?! Die nächste Reise planen ?! Meditieren ?! Wer weiß!


ein wunderschöner Moment: abendliches Sonnenuntergang-Beobachten mit indischem Chai auf unserer Dachterasse.

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3 Gedanken zu „Was wir von Entwicklungsländern lernen können, Teil II

  • 12. März 2013 um 13:50
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    Was ein wundervoller Beitrag! Den hab ich mir gleich mal abgespeichert (und ‚Rupien, Rupien‘ zu meiner Amazonwunschliste hinzugefügt :) Ich bin leider auch eher ein Zukunftsmensch („Glücklich bin ich, wenn das und das passiert..“), aber ich hab in den letzten Monaten auch gemerkt wie viel Zeit man damit vergeudet wenn man immer wartet und nie richtig den Augenblick genießt.

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  • 12. März 2013 um 20:14
    Permalink

    also ich mag bollywood total, nur bollywood-partys hab ich bisher noch keine gefunden :-(

    dein post ist echt inspirierend, ich habe ziemlich viel zeug, was ich eigentlich noch machen will, aber dann doch immer aufschiebe, was mich dann meistens ziemlich ärgert.

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  • Pingback: 1. Dezember – Achtsamkeit

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