Feminismus – was ist das eigentlich?

Feministinnen… ehm, sorry – Feministen mein ich, man kann die ja gar nicht mehr als Frauen bezeichnen.

 

Feministen tragen Bart.
Feministen haben behaarte Beine, dafür aber superkurze Haare. Außerdem tragen sie allerhöchstens Sport-BHs, wenn überhaupt welche. Und weite Klamotten, meistens aus der Männerabteilung, ach, was sag ich, eigentlich sind das doch alles Männer?!

Blödsinn!

Wie denn jetzt?

Wir alle sind Feminist*innen. Alle Frauen und Männer und Geschlechter dazwischen, die sich für Gleichberechtigung einsetzen. Egal ob „feminin“ gekleidet, lang- oder kurzhaarig, hell oder dunkel, dick oder dünn.
Leider ist der Begriff Feminismus noch etwas negativ behaftet, aber all diese Klischees stammen aus einer total veralteten Zeit.
Wir wollen keine Männer unterdrücken, wir wollen ihnen auch nicht die Geschlechtsteile abschneiden oder sie ausgrenzen.

Der heutige Feminismus lässt sich am besten als die soziale, ökonomische und politische Gleichheit der Geschlechter ausdrücken. Nicht mehr und nicht weniger.
Es gibt keine Rollen, in die sich Frauen einfügen müssen, sei es aus gesellschaftlichen oder religiösen Gründen. Keiner Frau und keinem Mann sind gottgewollte Rollen zugeteilt. Jede*r darf sich frei bewegen, sollte aber auch die gleichen Rechte haben, was heute leider immer noch nicht der Fall ist.
Leider gibt es immer noch viele Leute, hauptsächlich Männer, die ihre Privilegien nicht abgeben wollen oder Berufe, die viele Frauen ausüben, wie z.B. in der Pflege oder auch den der Hausfrau, nicht als qualifiziert genug oder überhaupt belohnenswert ansehen, da technische oder handwerkliche Berufe in ihren Augen „hochwertiger“ und daher besser zu bezahlen sein müssten.

Jedoch geht es nicht nur um gleiche berufliche Chancen und die gleiche Bezahlung bei gleicher Qualifikation für Frauen – es handelt sich beim Feminismus um verschiedene Themen des Lebens, in denen sich erkennen lässt, dass wir, wie es z.B. die Piratenpartei behauptet, noch lange nicht alle „postgender“ leben.

So wirklich habe ich mich erst vor einiger Zeit auf der ersten feministischen Bundesfrauenkonferenz der grünen Jugend in Berlin mit dem Thema beschäftigt. Denn auch ich habe eine Zeit lang gedacht, dass ich wirklich keine Feministin bin, koche ich doch zu gerne, nähe, stricke und zeichne, trage gerne Röcke und Kosmetik und erfülle auch in vielen anderen Bereichen das Klischee eines richtigen Mädchens. Doch ich möchte auch Karriere machen, auf eigenen Beinen stehen, für meine eigene Meinung einstehen und nehmen, was mir zusteht.

Die Werbung bzw. die heutige Gesellschaft versucht uns jedoch leider immer noch das konventionelle Bild der Frau und das des „schwachen Geschlechts“ zu verkaufen. Überall finden sich verschiedene Arten und Weisen des Sexismus.


Feminismus 2.0

Auf der Bundesfrauenkonferenz hatten wir das Glück, einen Workshop zum Thema „Feminismus 2.0“ von Magda Albrecht von der Mädchenmannschaft besuchen zu dürfen. Unter der Domain www.maedchenmannschaft.net findet sich ein feministischer Blog, welcher sich immer wieder mit Feminismus und Sexismus auseinandersetzt. Wer sich für das Thema interessiert: Unbedingt in die Leseliste einbinden und regelmäßig lesen. Denn so erhält man einen Einblick in viele Sachen, die einem sonst nicht so geläufig sind.

Unter anderem organisiert die Mädchenmannschaft sogenannte „Shitstorms“, das sind negative Reaktionen von Leuten auf Sachen, die sich im Internet finden und einfach nur unmöglich sind.

Ebenfalls ein Beispiel von Feminismus im Internet ist die Organisation von sogenannten „Slutwalks“, die ohne das Medium Internet eigentlich unmöglich gewesen wären. Dabei wird gegen die Meinung protestiert, dass eine Vergewaltigung durch das Erscheinungsbild einer Frau irgendwie zu erklären oder entschuldigen wäre, wie es die Meinung eines kanadischen Polizisten bei einem Vergewaltigungsopfer war. Sowas geht viel zu weit! Daher wurden in der ganzen Welt Slutwalks organisiert – Demonstrationen von Frauen, gekleidet wie sie wollen, knapp und bedeckt, mit Aufschriften auf Transparenten wie „Fickt euch doch alle“. Und das alles übers Internet – toll, oder?

Sexpositiver Feminismus – oder auch PorYES statt PorNO

Doch nicht nur im Internet ist Feminismus zu finden.
Die Berliner Kommunikationswissenschaftlerin, Sex-Aufklärerin, Lachforscherin und bewegte Aktivistin der Frauenbewegung Laura Meritt war bei einer Fishbowl-Diskussion zum Thema Frauenbilder beteiligt.
Sie betonte noch einmal die Schönheit eines jeden Frauenkörpers, welcher so geformt sein sollte, wie ihn die Natur formt, und nicht so, wie Pro7 ihn formt. Ebenfalls hat sie ein Buch vorgestellt: „Frauenkörper neu gesehen“, erschienen im Orlanda-Frauenverlag. Gegen die Mystifizierung des Frauenkörpers und eine selbstbewusste Einstellung der Frauen zu ihm. Ja, Frauen können auch ejakulieren!
Sie hat ebenfalls die Pornofilmverleihung „PorYes“ gegründet. Por-No s sind in diesem Zusammenhang erotische Filme für Männer, bei denen den Frauen „reihenweise ins Gesicht gespritzt wird“. Darauf steht keine Frau. Es sollte auch gute erotische Filme für Frauen geben, mit Frauen und Männern, abgestimmt auf die Bedürfnisse beider Geschlechter. An diese Filme werden die PorYes-Awards verliehen.
Find ich super.

Armut ist weiblich

Feminismus ist ebenfalls auch immer ein Thema in der Politik.
Beate Müller-Gemmeke, Mitglied des deutschen Bundestages und Sprecherin für Arbeitnehmerrechte, hat uns ebenfalls einen Workshop unter dem Thema „Armut ist weiblich“ organisiert.
Kurze Zusammenfassung eines sehr komplexen Themas: Viele Jobs, vor allem viele sogenannten „weiblichen“  Berufe, z.B. in der Pflege sind unterbezahlt, d.h. mit einem Stundenlohn von weniger als 8,50€. Warum kein Mindestlohn? Und warum überhaupt die Unterschiede, wenn doch viele dieser Jobs eine genauso hohe Qualifikation erfordern wie technische oder „männliche“ Berufe wie Maurer oder Handwerker?!
Viele Minijobs werden dazu von Frauen ausgeführt. Einige verzichten dabei, von diesem geringen Gehalt noch einen Sozialversicherungsbeitrag zu zahlen – Armut im Alter droht. Da es bei Minijobs unmöglich ist, über die 400€ zu kommen, da diese nicht versteuert werden müssen, sollten diese ebenfalls abgeschafft werden. Jeder Euro sollte gerecht abgesichert sein.
Darüber hinaus gibt es noch Begriffe wie „Entgeltdiskriminierung“ (Schlechterer Tarifvertrag für die Frau, wenn sie einen Job annimmt, den vorher ein Mann ausgeübt hat), Leiharbeit (weniger Lohn und keine Zukunftschancen) sowie Befristungen (keine Chance auf Zukunftsplanungen).
Da ist noch so einiges nachzuholen. Von der Frauenquote, die unbedingt notwendig ist, gar nicht erst zu sprechen.

Wie auch immer, wenn ihr euch für feministische Themen interessiert, kann ich euch nur empfehlen, euch ein bisschen im Netz schlau zu machen, vielleicht bei der Mädchenmannschaft oder anderen Blogs, z.B. aus deren Blogroll, zu lesen, oder diesen Artikel,  oder vielleicht auch bei den „Shitstorms“, „Slutwalks“ oder wo auch immer mitzumachen.

Feminismus ist spannend,
achja,
und Feminismus ist sexy.

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7 Gedanken zu „Feminismus – was ist das eigentlich?

  • 21. September 2012 um 11:15
    Permalink

    Ich bin ja selbst eine Feministin die viele Klischees denkt, ich liebe Kochen, bin sensibel, tierlieb, essgestört, usw usw. Insofern freut mich dein Artikel, aber es kommt doch ein wenig rüber als würdest du sagen „staubige Feministinnen“ die sich die Haare abrasieren und die Beine haarig lassen, seien irgendwie weniger okay. Ich weiß nicht, vielleicht wirkt das nur beim Lesen so auf mich.

    Auch der Teil über PorYes. Ich beschäftige mich selbst ziemlich kritisch mit Pornografie, auch in der Uni habe ich beispielsweise eine Hausarbeit zum Thema geschrieben. Man benötigt weder eine völlige Ablehnung der Pornografie oder ein Umklammern dessen um Feministin zu sein. Und schon garnicht bedeutet Pornografiekritisch zu sein dass man nicht sex positive ist.

    Antworten
    • 21. September 2012 um 12:24
      Permalink

      Oh nein, genaus das wollte ich vermeiden! Ich möchte lediglich darauf aufmerksam machen, dass man Feministinnen nicht in irgendwelche Klischees einordnen kann. Jede Frau ist einzigartig und schön, egal, wie sie aussieht, oder was andere versuchen ihr einzureden!
      Zum Thema PorYes: Da habe ich auch schon Diskussionen drüber geführt und gehört, dass viele Leute Pornografie allgemein auch ablehnen. Natürlich ist das völlig in Ordnung und sagt nichts über die eigene Sexualität aus. Aber ich finde, in einer offenen Gesellschaft findet so etwas seinen Platz, vor allem wenn es auch als feministische Gegenbewegung zu finden ist ;) Worüber hast du denn genau deine Hausarbeit geschrieben? Klingt interessant.
      Liebe Grüße

      Antworten
    • 22. September 2012 um 20:27
      Permalink

      Oh, das ist gut zu hören. Vielleicht habe ich einfach überinterpretiert. Ich bin da auch echt empfindlich.

      Ich denke, das hat einfach auch viel mit der pornografie definition zu tun. Bin ich theoretisch gegen pornografie, im sinne davon sex auf filmen und fotos zu sehen? Nein. Erstmal würde natürlich auch ganz ganz viel Kunst rausfallen. Aber auch sonst ist Pornografie in der Theorie leicht zu rechtfertigen. Das wäre für mich der Fall WENN Sex nicht so politisch und gesellschaftlich aufgeladen wäre.

      Meine Hausarbeit beschäftigte sich mit einem Essay von Martha Nussbaum in dem sie schreibt, dass sexualle Arbeit (also sowohl Pornografie und Prostitution, da ja eigentlich dasselbe) sich nicht grundlegend von anderen körperlichen Arbeiten unterstelle. Das habe ich gegenüber gestellt mit Scott A. Andersons Kritik und mit eben beides angeschaut, in der er sagt, dass sexualle Autonomie, die innerhalb einer gewerblichen Basis so nicht gegeben ist, sexuelle arbeit von anderen unterscheidet. Und dass das nicht immer so sein muss, aber eben jetzt so ist.

      Mein Punkt ist eben, wenn wir in einer Gesellschaft leben die zu 99,9% problematische Pornografie will und produziert, die Prostitutierte und andere sex worker so stigmatisiert und die nicht in der Lage ist, Sex als etwas normales und alltägliches zu sehen*, dann hilft es nicht wirklich einfach „bessere Pornos“ zu machen. Natürlich, das heißt, dass es bessere Pornos für die Zielgruppe gibt, die eben etwas anderes möchte, aber das eigentliche Problem der Gesellschaft die Pornos konsumieren und der die es produzieren wird dabei einfach umgangen. Und ich denke nicht, dass man damit irgendwas wirklich ändern kann oder verbessern.

      Ich denke es ist ein kompliziertes Thema und ich finde sehr schade, dass es dabei von beiden Seiten so viel schwarz-weiß Malerei gibt. Klar, ist ja auch emotional sehr geladen. Auch bei mir.

      *Klar ist Sex allgegenwärtig, alles ist sexualisiert, aber dabei geht es ja nicht um realistische gelebte Sexualleben, sondern um geschönte, „pornagrafisierte“ Darstellung.

      Antworten
    • 5. Dezember 2012 um 20:13
      Permalink

      Cool, das muss ich mir nochmal genauer durchlesen, hört sich echt interessant an!
      Feminismus ist ein tolles Thema, leider von vielen Leuten belächelt. „Gleichstellung der Frau *pff* wer braucht das schon, die Männer sind die Armen“, und ähnliches hört man dummerweise leider noch oft -_-

      Antworten
  • 13. April 2013 um 23:51
    Permalink

    hey laura :)
    ich finde das Thema Feminismus bzw Gender-Mainstreaming wahnsinnig interessant. Es betrifft jeden von uns. Und das nicht nur einmal am Tag. Leider merken wir es zu oft nicht, weil wir schon so daran gewöhnt sind.
    Ich kenne diese blöde Tatsache, dass sich viele nicht mit Feminismus, Geschlechterrollen usw. beschäftigen wollen und dass es für viele einen bitteren Beigeschmack hat.
    Schade, denn wer nur etwas über die Problematik nachdenkt kommt meiner Meinung nach zu dem Schluss, dass wir immer noch im Patriarchat leben. Natürlich ist es unangenehm und anstrengend, sich dem zu widersetzen und nicht das Gleiche zu tun / denken wie die anderen. Aber wenn wir frei sein wollen sollten wir damit anfangen!
    Leider fühlen sich Männer oft angegriffen, wenn man bestimmte Dinge anspricht bzw. kritisiert. Es ist eben leichter, auch für viele Frauen, einfach mit dem Strom zu schwimmen und sich bspw. dem Idealbild „Frau“ anzupassen und nachzueifern als sich zu sagen „Scheiß drauf! ich bin, wie ich bin! Und wer mich so nicht mag muss mich nicht mögen.“ Ein gutes Buch, besonders im Bezug auf die Erwartungen an Frauen die ihren Körper betreffen, ist Fleischmarkt von Laurie Penny.
    Auch ich koche/backe, nähe gerne und trage fast nur Röcke. Aber ich stehe dazu, weil ich mich so wohl fühle.
    Ich interessiere mich sehr für die Riot-Grrrl Bewegung und lese gerade das sehr gute Buch „Riot Grrrl Revisited“. Kann ich nur empfehlen :)

    Ein endlos spannendes Thema.. Feminism <3
    Liebe Grüße Amy :)

    Antworten
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